Interview mit Frauenberatung für sexuelle Gewalt

"Mythen und Vorurteilen haben die Funktion, die Welt als kontrollierbar zu erleben."

Die Frauenberatung für sexuelle Gewalt hat als Ziel, sich für ein gewaltfreies Leben für alle Frauen einzusetzen. Wer darf sich bei einem Notfall bei euch melden?
Jede Frau, die von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffen ist, ihr nahestehende Personen sowie Fachleute. Die Beratungen sind kostenlos und vertraulich, unabhängig davon, wie lange die Tat zurückliegt. Eine Strafanzeige ist nicht Voraussetzung.

Die Frauenberatung sexuelle Gewalt ist eine vom Kanton Zürich anerkannte Opferhilfe-Beratungsstelle.

Unser Angebot:
Wir beraten Frauen ab 14 Jahren, die im Jugend- und/oder Erwachsenenalter sexualisierte Gewalt erlebt haben. Dazu gehört auch häusliche Gewalt (Bezirke Affoltern am Albis, Dietikon sowie Hinwil).

Für Migrantinnen, die wenig oder kein Deutsch sprechen, ziehen wir Übersetzerinnen bei. Auch sie unterstehen der Schweigepflicht gemäss Opferhilfegesetz (OHG).

Wir haben Erfahrung im Beraten von Frauen mit körperlicher, geistiger und psychischer Behinderung, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Unsere Beratungsstelle ist mit dem Rollstuhl er-reichbar.

Auch wenn nahestehende Personen einer Frau (z.B. Eltern, Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner sowie andere Bezugspersonen) von sexueller Gewalt erfahren oder unter den Folgen einer Straftat leiden, haben sie ein Recht auf Beratung bei uns.

Fachpersonen (aus dem sozialen, medizinischen, pädagogischen und juristischen Bereich, Personalverantwortliche, Betreuerinnen und Betreuer), die mit dem Thema der sexuellen Gewalt konfrontiert sind, stehen wir für Fachberatungen zur Verfügung.

Die MeToo Aktion hat gezeigt, dass sehr viele Frauen von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffen sind, jedoch längst nicht alle Hilfe beantragen. Wieso denken Betroffene oft, sie seien selber schuld?
Viele Betroffene leiden unter Scham- und Schuldgefühlen. Häufig kennen die Opfer sexueller und/oder häuslicher Gewalt die Täter und sind in einem Loyalitätskonflikt. Sie bagatellisieren den Vorfall vor sich selber («das war nicht so schlimm, er hat das nicht so gemeint»), wollen das Geschehene möglichst rasch vergessen und verdrängen, haben Angst vor Unglauben, Ablehnung oder Vorwürfen. Dies nicht zu Unrecht, wie die Erfahrung zeigt: Nicht selten werden die Opfer sexueller Gewalt dafür verantwortlich gemacht, was Ihnen passiert ist. «Victim-Blaming» ¬– auch Opfer-Täter-Umkehr genannt – kommt häufig vor bei sexueller Gewalt und ist tief in unseren Köpfen verankert. Unterstützt werden diese opferfeindlichen Vorstellungen durch verschiedene Mythen und Vorurteile. Sie dienen dazu, die Ausübung von Gewalt durch Männer zu rechtfertigen, den Widerstand der betroffenen Frauen zu schwächen und sich als Aussenstehende von dieser Gewalt abzugrenzen («das passiert nur denen, die es verdienen»). Manchmal sind es auch Gewaltandrohungen oder Schweigebote des Täters, die die Opfer verstummen lassen.  

Gibt es noch weitere Vorurteile/Mythen/Stereotypen, die in der Öffentlichkeit verbreitet sind?
Ja, es gibt noch eine ganze Reihe solcher Vorurteile oder auch Mythen, die in der Öffentlichkeit verbreitet sind und das Erkennen und Benennen von Gewalt gegen Frauen erschweren:

• Der Täter ist in der Regel ein Fremder und/oder er stammt aus sozialen Kreisen, von denen «so etwas» zu erwarten ist (Ausländer, Muslime, Asoziale, Unterschicht).
• Der Täter ist in irgendeiner Weise krank oder gestört (Störung des Sexualtriebs, sexuell un-befriedigt, Psychopath, geistig oder psychisch gestört), also abnormal.
• Frauen, besonders junge Frauen verführen Männer durch ihre Kleidung, ihr Aussehen und ihr Verhalten dazu, sie sexuell zu bedrängen.
• Einmal gereizt, drängt der männliche Trieb nach unmittelbarer Befriedigung. Männer können nicht anders, Männer können sich dann nicht mehr beherrschen.
• Eine Vergewaltigung hinterlässt immer massive Gewaltspuren, das Opfer wehrt sich immer vehement.
• Sexuelle Gewalt passiert nur «leichten» Mädchen.
• «Mitgegangen, mitgehangen» - wenn die Gewalt in der eigenen Wohnung passiert, wenn sich das Opfer sich auf den Täter eingelassen hat, dann muss es sich nicht über die Folgen wundern.
• Wenn eine Frau keine Anzeige macht, dann kann es auch nicht so schlimm sein.
• Wird keine Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt, so ist demnach auch nichts passiert.
• Eine Frau kann sich durch Vermeidungsverhalten (züchtige Kleidung tragen, nicht schminken, nicht in den Ausgang gehen, dunkle Orte meiden) vor sexueller Gewalt schützen.
• Es gibt eine hohe Zahl an Falschanschuldigungen, die Vorwürfe sexueller Gewalt sind nur erfunden, um der beschuldigten Person zu schaden.

Mythen und Vorurteilen haben die Funktion, die Welt als kontrollierbar zu erleben. Opfer sexueller Gewalt werden nur solche, die es verdient haben. Frauen geben sie das Gefühl, eine Kontrolle zu haben, ob sie Opfer von Gewalt werden oder nicht. Die damit verbundenen Einschränkungen werden nicht bewusst wahrgenommen, sondern als folgerichtig eingestuft. Männern erlauben sie, eigenes übergriffiges Verhalten zu rechtfertigen oder sich von Tätern abzugrenzen.

Bei den meisten Mythen und Vorurteilen handelt sich um Einstellungen, die eng mit traditionellen Rollenvorstellungen für Frauen und Männer verknüpft sind. Solche stereotypen Vorstellungen erleichtern und rechtfertigen sexuelle Gewalt durch Männer, erschweren Wider-stand und wirkungsvolle Gegenwehr von Frauen und begünstigen täterfreundliche und opfer-feindliche Reaktionen durch Aussenstehende.

Mit welchen Massnahmen und Projekten versucht ihr entgegen zu wirken und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren?
Das Thema betrifft uns alle, entweder direkt oder über unseren Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Da in der Schweiz nach wie vor Aufklärungsbedarf besteht, was sexuelle Gewalt genau ist, welche Formen diese annehmen kann und welche rechtlichen Möglichkeiten vorhanden sind, ist die Frauenberatung sexuelle Gewalt auch als Fachstelle tätig.

Wir beraten Fachpersonen (aus dem sozialen, medizinischen, pädagogischen und juristischen Bereich) zum Thema sexuelle Gewalt und informieren die Öffentlichkeit.

Zu unseren Tätigkeiten gehören:

• Bekanntmachung des Angebots, Sensibilisierung, Informationen über die strukturellen Ursachen von geschlechtsspezifischer Gewalt
• Fachtagungen, Medienarbeit, Projektarbeit
• Vernetzung mit andere Stellen, politische Arbeit, Mittragen von Kampagnen
• Schulungen und Fortbildung von Fachpersonen